Ein Satz reicht für das große Empörungsgeschäft
Ex-Minister @Karl_Lauterbach ist für die SPD Vorsitzender des Bundestagsausschusses für Forschung und Technologie, ausgerechnet dort, wo es die größten Fachkräftelücken gibt. Und der macht sich öffentlich über Auswanderer lustig. Und die SPD macht das alles mit. pic.twitter.com/u2uzl5Oz4f
— Thorsten Alsleben 🇩🇪🇮🇱🇺🇦 (@BerlinReporter) July 23, 2026
„Auf diese Leute können wir verzichten.“
Der SPD-Politiker @Karl_Lauterbach hat seinen unsäglichen Post, in dem er sich hämisch über deutsche Leistungsträger, die auswandern, ausgelassen hat ("Auf diese Leute können wir verzichten") kommentarlos gelöscht. Hat er Druck aus der SPD bekommen, weil er als Vorsitzender des… pic.twitter.com/yj4rPAW7ZC
— Thorsten Alsleben 🇩🇪🇮🇱🇺🇦 (@BerlinReporter) July 23, 2026
Mit diesem Satz reagierte Karl Lauterbach auf einen Beitrag von Thorsten Alsleben. Der hatte berichtet, dass fünf wohlhabende Unternehmerfamilien aus seinem Freundeskreis Deutschland verlassen wollten. Drei angeblich nach Mallorca, zwei nach Portugal.
Lauterbach bezeichnete solche Berichte als permanentes Schlechtreden Deutschlands und verspottete junge Menschen, die wegen hoher Rentenbeiträge über eine Auswanderung nachdenken. Später ruderte er zumindest teilweise zurück und erklärte, Reformen für junge Menschen seien notwendig. Auswanderung sei jedoch nicht das große Problem.
Sein ursprünglicher Satz bleibt trotzdem arrogant.
Ein Politiker kann nicht erst hohe Steuern, steigende Sozialabgaben, marode Infrastruktur und immer mehr Bürokratie mitverantworten und den Menschen anschließend erklären, auf diejenigen, die deshalb das Land verlassen, könne man verzichten.
Politik darf Bürger kritisieren. Sie sollte aber niemals vergessen, dass sie diesen Bürgern gegenüber rechenschaftspflichtig ist.
Alslebens Freundeskreis ist noch keine Statistik
Doch auch Thorsten Alsleben erzählt nur eine Seite der Geschichte.
Fünf befreundete Unternehmerfamilien können ein Warnsignal sein. Sie sind aber noch keine belastbare Untersuchung darüber, weshalb Menschen Deutschland verlassen. Aus fünf persönlichen Gesprächen wird keine vollständige Diagnose für ein Land mit mehr als 80 Millionen Einwohnern.
Die offiziellen Zahlen zeigen allerdings, dass Lauterbach das Problem ebenfalls nicht einfach wegwischen kann: Im Jahr 2025 wanderten unter dem Strich rund 97.000 deutsche Staatsangehörige mehr aus Deutschland aus, als zurückkehrten. Seit 2005 gibt es bei deutschen Staatsbürgern durchgehend eine Nettoabwanderung.
Eine Untersuchung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung zeigte außerdem, dass etwa drei Viertel der untersuchten deutschen Auswanderer einen Hochschulabschluss hatten. Sie ziehen häufig wegen beruflicher Möglichkeiten, höherer Einkommen und persönlicher Erfahrungen ins Ausland. Mehr als zwei Drittel kehren nach einigen Jahren wieder zurück. Unzufriedenheit mit Deutschland war in der damaligen Untersuchung nur für einen kleineren Teil das entscheidende Motiv.
Die Wahrheit liegt damit weder bei Lauterbachs Herunterspielen noch vollständig in Alslebens Untergangserzählung.
Deutschland verliert jedes Jahr viele gut ausgebildete Menschen. Gleichzeitig sind nicht alle dauerhaft weg, und nicht jeder verlässt das Land allein wegen Steuern, Sozialabgaben oder der Politik.
Genau diese Differenzierung geht im politischen Schlagabtausch verloren.
Der vermeintliche „BerlinReporter“ ist heute Wirtschaftslobbyist
Thorsten Alsleben tritt auf X unter dem Namen @BerlinReporter auf. Er ist jedoch nicht einfach ein neutraler Beobachter des politischen Berlins, sondern Geschäftsführer der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft, kurz INSM.
Die INSM wird ausschließlich von den Arbeitgeberverbänden der Metall- und Elektroindustrie finanziert. Im Lobbyregister des Bundestages beschreibt sie ihren Auftrag unter anderem als strategische Öffentlichkeitsarbeit, mit der die Akzeptanz marktwirtschaftlicher Reformen in Politik und Gesellschaft erhöht werden soll.
Das ist legal und darf offen vertreten werden. Doch es muss bei seinen politischen Aussagen mitgedacht werden.
Hier stritt nicht einfach ein Journalist mit einem Politiker. Hier stritt der Geschäftsführer einer arbeitgeberfinanzierten Lobbyorganisation mit einem langjährigen SPD-Politiker.
Beide verfolgen eine politische Linie.
Wer ist hier eigentlich ein „Kostgänger“?
Alsleben bezeichnete Lauterbach als einen „reinen Kostgänger des Systems“, weil dieser als Professor, Abgeordneter und Minister aus Steuermitteln finanziert worden sei.
Professor Thomas Jäger stellte daraufhin die naheliegende Frage:
Sind Professoren demnach ebenfalls reine Kostgänger des Systems?
Alslebens Antwort lautete sinngemäß, Lauterbach sei einer.
Doch genau hier wird seine Argumentation schief.
Natürlich werden Professoren an staatlichen Universitäten, Lehrer, Polizisten, Richter, Feuerwehrleute, Soldaten, Verwaltungsmitarbeiter und Abgeordnete aus öffentlichen Mitteln bezahlt. Daraus folgt aber nicht, dass ihre Arbeit wertlos ist oder sie parasitär von anderen leben.
Auch Unternehmer erwirtschaften ihren Erfolg nicht im luftleeren Raum. Sie benötigen ausgebildete Beschäftigte, Verkehrswege, Gerichte, Energieversorgung, öffentliche Sicherheit, Krankenhäuser und eine funktionierende Verwaltung.
Der Staat lebt von der Wirtschaft. Die Wirtschaft lebt aber ebenso von einem funktionierenden Staat.
Wer nur private Gewinne als Wertschöpfung anerkennt und öffentliche Leistungen ausschließlich als Kosten behandelt, betreibt keine ehrliche wirtschaftspolitische Analyse. Er verbreitet ein Lobby-Framing.
Die Gesellschaft wird erneut gegeneinander ausgespielt
In solchen Debatten entsteht schnell dieselbe Rangordnung:
Oben stehen angeblich die „Leistungsträger“, Unternehmer und Spitzenverdiener. Darunter folgen Arbeitnehmer. Ganz unten werden Grundsicherungsempfänger, Flüchtlinge, Rentner und Beamte als Belastung dargestellt.
Das halte ich für grundfalsch.
Natürlich muss über Kosten, Missbrauch, fehlende Arbeitsanreize und eine ausufernde Verwaltung gesprochen werden. Ebenso muss über eine ungesteuerte Migration und die Belastungsgrenzen von Kommunen diskutiert werden können.
Doch nicht jeder Grundsicherungsempfänger ist arbeitsunwillig. Nicht jeder Flüchtling lebt dauerhaft von Sozialleistungen. Nicht jeder Beamte ist überflüssig. Und nicht jeder Unternehmer ist automatisch ein größerer „Leistungsträger“ als eine Krankenschwester, ein Handwerker, ein Lkw-Fahrer oder ein pflegender Angehöriger.
Die eigentliche Frage lautet nicht, welche Bevölkerungsgruppe wir zum nächsten Sündenbock erklären.
Die Frage lautet: Wer trägt für politische Fehlentscheidungen Verantwortung – und welche Konsequenzen folgen daraus?
Warum haften politische Entscheidungsträger so selten?
Bei normalen Beschäftigten kann ein schwerer Fehler den Arbeitsplatz kosten. Unternehmer können bei Fehlentscheidungen ihre Firma verlieren.
In der Politik erleben wir dagegen immer wieder, dass Milliardenentscheidungen getroffen werden, Untersuchungsausschüsse folgen, Erinnerungslücken auftreten – und anschließend geht die politische Karriere weiter.
Die Maskenbeschaffung unter dem damaligen Gesundheitsminister Jens Spahn wird bis heute wegen Überbeschaffung, möglicher Fehlentscheidungen und enormer finanzieller Risiken untersucht. Der Bundesrechnungshof kritisierte auch Ende 2025 weiterhin die unzureichende Aufarbeitung. Das bedeutet nicht, dass jede Anschuldigung gegen Spahn bewiesen ist. Es bedeutet aber, dass die Verantwortung noch immer nicht zufriedenstellend geklärt wurde.
Bei der gescheiterten Pkw-Maut musste der Bund 243 Millionen Euro Schadenersatz zahlen. Gegen den früheren Verkehrsminister Andreas Scheuer und einen ehemaligen Staatssekretär soll im September 2026 ein Strafprozess wegen des Vorwurfs einer Falschaussage beginnen. Beide bestreiten den Vorwurf; für sie gilt die Unschuldsvermutung. Im Zusammenhang mit der Hamburger Warburg-Bank blieben bei Olaf Scholz viele Fragen und auffällige Erinnerungslücken. Gleichzeitig muss fair festgehalten werden, dass bislang keine belastbaren Beweise dafür vorliegen, dass Scholz persönlich in das Steuerverfahren eingegriffen hat. Karl-Theodor zu Guttenberg wechselte nach seiner politischen Karriere in die internationale Beratung. Seine Firma arbeitete später auch für Wirecard und stellte nach eigenen Angaben politische und wirtschaftliche Kontakte her. Seine Rolle wurde im Wirecard-Untersuchungsausschuss des Bundestages behandelt.
Genau darüber müsste viel grundsätzlicher gesprochen werden:
Wie lang müssen Sperrfristen zwischen Ministeramt und Lobbytätigkeit sein? Wann muss ein Politiker nach grobem Versagen zurücktreten? Wie transparent müssen Kontakte zu Unternehmen, Banken und Verbänden offengelegt werden? Und weshalb scheint politische Verantwortung häufig mit einer Entschuldigung, einem Untersuchungsausschuss oder einem Wechsel in die Wirtschaft erledigt zu sein?
Die Medien stellen lieber den Krawall ins Schaufenster
Die von mir gesammelten Überschriften zeigen beinahe überall dasselbe Bild:
„Lauterbach ätzt gegen Top-Verdiener.“
„Lauterbach attackiert Gutverdiener.“
„An Arroganz kaum zu übertreffen.“
„Auf diese Leute können wir verzichten.“
Damit ist die Empörungsmaschine gefüttert.
Natürlich war Lauterbachs Aussage berichtenswert. Doch die meisten Beiträge konzentrieren sich auf den persönlichen Schlagabtausch. Weniger auffällig wird erklärt, dass Alsleben kein neutraler Wirtschaftsexperte, sondern Chef einer arbeitgeberfinanzierten Lobbyorganisation ist.
Noch seltener wird untersucht, welche politischen Entscheidungen tatsächlich zur Abwanderung beitragen, wie viele Auswanderer dauerhaft wegbleiben und welche Interessen hinter den unterschiedlichen Erzählungen stehen.
Ein Streit zwischen zwei bekannten Namen erzeugt Klicks. Eine gründliche Untersuchung von Steuerpolitik, Lobbyeinfluss, Rentenfinanzierung, Wohnkosten, Unternehmensbedingungen, Infrastruktur und politischer Verantwortung kostet dagegen Zeit und Geld.
So landet der Krawall auf der Titelseite, während die wirkliche Aufklärung im Hintergrund verschwindet.
Zwei falsche Extreme ergeben noch keine Wahrheit
Karl Lauterbach hat mit seinem Satz Menschen herabgewürdigt, deren Sorgen ernst genommen werden müssen. Ein Vorsitzender eines Bundestagsausschusses sollte nicht erklären, auf welche Bürger das Land angeblich verzichten könne.
Thorsten Alsleben macht es jedoch nicht besser, wenn er Politiker oder Professoren zu „Kostgängern“ erklärt und eine Anekdote aus seinem wohlhabenden Freundeskreis zur Zustandsbeschreibung Deutschlands erhebt.
Und Professor Thomas Jäger sollte die Debatte nicht bei der empörten Frage beenden, ob Professoren ebenfalls Kostgänger seien. Interessanter wäre die Frage, warum politisches Versagen in Deutschland so selten persönliche Konsequenzen hat und wie eng Wissenschaft, Medien, Politik, Lobbyorganisationen und wirtschaftliche Interessen miteinander verbunden sind.
Mein Fazit
Deutschland kann weder auf erfolgreiche Unternehmer noch auf gute Professoren, Pflegekräfte, Handwerker, Lehrer, Beschäftigte oder Menschen verzichten, die vorübergehend Unterstützung benötigen.
Was Deutschland nicht mehr gebrauchen kann, ist dieses ewige Gegeneinander-Ausspielen.
Der eine zeigt auf Sozialleistungsempfänger. Der nächste auf Flüchtlinge. Der dritte auf Beamte. Der vierte auf Unternehmer. Und während sich alle gegenseitig zu Schmarotzern oder Kostgängern erklären, entziehen sich politische Verantwortung, Lobbyeinfluss und jahrelange Misswirtschaft erneut der eigentlichen Debatte.
Solange sich Politik und Medien daran nicht ändern, werden Menschen Deutschland weiterhin verlassen. Manche wegen ihrer Karriere, manche wegen höherer Einkommen und andere, weil sie das Vertrauen in diesen Staat verloren haben.
Lauterbachs Überheblichkeit ist dabei ebenso Teil des Problems wie Alslebens Lobbyrhetorik.
Denn ehrlich ist diese Debatte bislang auf keiner Seite.
