Podcastfolge: Nextcloud statt SharePoint – Mecklenburg-Vorpommerns Souveränitätstest
Mecklenburg-Vorpommern macht etwas, das in der deutschen Digitalpolitik noch immer ungewöhnlich genug ist, um Aufmerksamkeit zu verdienen: Das Land ersetzt Microsoft SharePoint durch eine selbst kontrollierte Kollaborationsplattform auf Basis von Nextcloud. Rund 5.000 Beschäftigte nutzen das Filesharing bereits. Mittelfristig sollen Chat, Videokonferenzen und Groupware hinzukommen und mehr als 50.000 Beschäftigte in Landes- und Kommunalverwaltungen erreichen.
Das ist keine bloße Absichtserklärung. Es gibt einen landeseigenen Betreiber, eine laufende Plattform und eine konkrete Migration. Trotzdem wäre es verfrüht, bereits den Sieg der digitalen Souveränität auszurufen. Open Source ist eine notwendige Grundlage. Souverän wird eine Verwaltung aber erst, wenn sie Betrieb, Wissen, Daten, Schlüssel, Wiederherstellung und Wechselpfad tatsächlich beherrscht.
Mehr Substanz als die übliche Sonntagsrede
Nach Angaben des Finanz- und Digitalisierungsministeriums betreibt die landeseigene DVZ M-V GmbH die Plattform. Nextcloud steht unter der GNU AGPLv3. Das Land nennt eigene Test- und Produktivumgebungen, Betriebsschulungen, Sicherheitsprüfungen und eine priorisierte Einbindung von Stabilitätsupdates. Der Umstieg von SharePoint sei schrittweise und ohne Datenverluste abgeschlossen worden.
Diese Punkte sind wichtig. Ein benannter Betreiber ist besser als eine Wolke aus Unterauftragnehmern. Eine getrennte Testumgebung ist besser als Updates direkt im Produktivsystem. Eine laufende Migration ist mehr wert als die hundertste Strategie mit buntem Titelbild.
Auch der politische Kontext stimmt: Mecklenburg-Vorpommern kooperiert seit 2025 mit Schleswig-Holstein. Parallel nennt das Land OpenProject und den auf OpenWebUI beruhenden Verwaltungschatbot LEA. Daraus könnte mehr als eine einzelne Nextcloud-Installation entstehen: ein offener Verwaltungsarbeitsplatz, dessen Bausteine nicht von einem einzigen US-Konzern diktiert werden.
Open Source ist noch keine Souveränität
Der Quellcode einer Software kann offen sein, während der reale Betrieb weiterhin abhängig bleibt. Wer administriert die Systeme? Wer hält die Verschlüsselungsschlüssel? Welche Komponenten stecken vor und hinter Nextcloud? Ist das Office-Paket offen? Läuft die Videokonferenz über eigene Infrastruktur? Sind Identitätsmanagement, Push-Dienste, Monitoring und Support austauschbar?
Eine Verwaltung kann Nextcloud nutzen und trotzdem in einem neuen Lock-in landen: bei einem Integrator, bei proprietären Erweiterungen oder bei einem Sonderstand, den außer dem bisherigen Dienstleister niemand versteht. Deshalb muss das Land nicht nur Dateien exportieren können. Es braucht Dokumentation, Automatisierung, Versionsstände, Konfigurationen und ausreichend eigenes Personal, damit ein anderer Betreiber übernehmen könnte.
Ein Matrix-Raum ist auch nicht souverän, nur weil Synapse Open Source ist. Ohne Signing Keys, Datenbank, Medien, Reverse-Proxy-Konfiguration und korrekte .well-known-Einträge lässt er sich nicht sauber wiederherstellen. Ebenso ist eine Nextcloud-Sicherung unvollständig, wenn nur Nutzdateien kopiert werden, aber Datenbank, Apps, Konfiguration, Secrets und Cronjobs fehlen.
Der Restore ist die Stunde der Wahrheit
Politik spricht gern über Clouds, Plattformen und Innovation. Seltener spricht sie über den langweiligen Teil, an dem sich Kontrolle entscheidet: Backups und Wiederherstellung.
Ein Backup ist keine Erfolgsmeldung. Erst ein getesteter Restore beweist, dass Daten, Abhängigkeiten und Betriebswissen zusammenpassen. Für Mecklenburg-Vorpommern wären deshalb belastbare Antworten nötig: Gibt es getrennte, versionierte Sicherungen? Werden sie regelmäßig in einer isolierten Umgebung zurückgespielt? Wie lange dauert ein Wiederanlauf? Können zentrale Dienste bei einem Ausfall des Rechenzentrums weiterarbeiten? Wer entscheidet im Notfall über Schlüssel und DNS?
Dass das Land in seiner Kooperation mit Schleswig-Holstein auch Resilienz und Desaster Recovery nennt, ist richtig. Entscheidend ist, ob daraus überprüfbare Praxis entsteht. Ein Dokument im Notfallhandbuch startet noch keinen Server.
5.000 Nutzer sind ein Anfang – 50.000 eine andere Liga
Filesharing für 5.000 Beschäftigte und eine vollständige Kollaborationsumgebung für mehr als 50.000 Menschen sind zwei verschiedene Aufgaben. Sobald Chat, Videokonferenzen, Kalender, Kontakte und gemeinsames Office hinzukommen, steigen Last, Supportbedarf und organisatorische Abhängigkeit.
Dann zählen nicht nur CPU und Speicher. Es geht um Identitäten, Rollen, Barrierefreiheit, mobile Geräte, Aufbewahrungsregeln, Datenschutz, Schulung und Hilfe im Arbeitsalltag. Kommunen haben andere Voraussetzungen als Ministerien. Kleine Verwaltungen benötigen möglicherweise mehr Unterstützung, dürfen aber nicht zu bloßen Mandanten ohne Mitspracherecht werden.
Die Zielzahl muss deshalb an aktiven Nutzern, tatsächlicher Funktionsnutzung, Verfügbarkeit und Zufriedenheit gemessen werden. Ein freigeschaltetes Konto ist noch kein gelungener Rollout.
Die ökonomische Frage: Wer bekommt das Geld und wer behält das Wissen?
Digitale Souveränität ist auch Industriepolitik. Öffentliche Milliarden können entweder Lizenzrenten und Abhängigkeiten finanzieren oder offene Infrastruktur, europäische Anbieter und dauerhaftes Wissen in der Verwaltung stärken.
Das bedeutet nicht, dass Open Source kostenlos ist. Im Gegenteil: Betrieb, Integration, Sicherheit, Schulung und Weiterentwicklung müssen anständig bezahlt werden. Der Unterschied liegt darin, was nach der Zahlung übrig bleibt. Bei einem proprietären Vertrag bleiben häufig Nutzungsrechte und Abhängigkeit. Bei einer klugen Open-Source-Beschaffung bleiben zusätzlich Quellcode, Dokumentation, Standards, Wechselmöglichkeiten und idealerweise Verbesserungen für alle.
Darum sollte Mecklenburg-Vorpommern offenlegen, welche Kosten die Migration und der laufende Betrieb verursachen, welche externen Dienstleister beteiligt sind und welche Anpassungen an die jeweiligen Projekte zurückgegeben werden. Öffentliche Mittel sollten keine unsichtbaren Sonderlösungen produzieren, sondern gemeinschaftlich nutzbare Infrastruktur.
Kooperation statt 16 Landesinseln
Die Zusammenarbeit mit Schleswig-Holstein ist möglicherweise der politisch stärkste Teil des Projekts. Deutschland braucht nicht 16 inkompatible Landesclouds und 11.000 kommunale Einzelwege. Es braucht gemeinsame offene Standards, wiederverwendbare Betriebsmodelle und föderale Strukturen, bei denen ein Land nicht vom guten Willen des anderen abhängig wird.
Gemeinsam heißt dabei nicht zentralistisch. Mecklenburg-Vorpommern muss seine Daten und Entscheidungen selbst kontrollieren können. Gleichzeitig sollten Schnittstellen, Automatisierung, Sicherheitswissen und Beschaffungsunterlagen geteilt werden. So entsteht Redundanz: Wenn ein Betreiber ausfällt oder ein Vertrag endet, existiert ein realer Wechselpfad.
Ein guter Anfang, der öffentlich geprüft werden muss
Mecklenburg-Vorpommern verdient Anerkennung dafür, SharePoint nicht nur zu kritisieren, sondern praktisch zu ersetzen. Doch politische Glaubwürdigkeit entsteht nicht durch das Etikett „souverän“. Sie entsteht durch überprüfbare Kontrolle.
In den kommenden Monaten sind deshalb konkrete Nachweise wichtiger als weitere Hochglanzmeldungen:
- Wie entwickeln sich aktive Nutzerzahlen und kommunaler Rollout?
- Welche Komponenten werden für Talk, Office und Groupware eingesetzt?
- Wo liegen Daten, Schlüssel und Backups?
- Gibt es dokumentierte und getestete Wiederherstellungen?
- Können Betreiber und Dienstleister gewechselt werden?
- Welche Kosten entstehen und welche Verbesserungen fließen upstream?
- Gibt es unabhängige Sicherheitsprüfungen und veröffentlichbare Ergebnisse?
Wenn diese Fragen sauber beantwortet werden, kann aus dem Projekt ein Vorbild werden. Wenn nicht, bleibt Nextcloud nur ein anderes Logo auf einer weiterhin fremdbestimmten Infrastruktur.
Digitale Souveränität bedeutet nicht, dass der Staat alles selbst programmieren muss. Sie bedeutet, dass er jederzeit verstehen, prüfen, betreiben, wiederherstellen und wechseln kann. Mecklenburg-Vorpommern hat einen ernst zu nehmenden Anfang gemacht. Jetzt beginnt der Teil, an dem sich entscheidet, ob aus Software tatsächlich politische Handlungsfähigkeit wird.
Diskussion: https://treff.darknight-coffee.eu/@carrabelloy Podcast: https://podcast.darknight-coffee.org/pages/startseite Blog: https://carrabelloy.darknight-coffee.org/blog/ Wenn dir das Projekt hilft: Spendenlinks sind im Blog.
Quellen
- Ministerium für Finanzen und Digitalisierung Mecklenburg-Vorpommern, „Auf dem Weg zur Digitalen Souveränität: Mecklenburg-Vorpommern setzt auf Open Source“, 3. Juli 2026: https://www.regierung-mv.de/Landesregierung/fm/Aktuell/?id=221531
- DVZ M-V GmbH, „Mecklenburg-Vorpommern setzt auf Open Source“, 3. Juli 2026: https://www.dvz-mv.de/news/mecklenburg-vorpommern-setzt-auf-open-source
- Gemeinsame Kooperation Mecklenburg-Vorpommern/Schleswig-Holstein zur digitalen Souveränität, 21. Oktober 2025: https://www.regierung-mv.de/Aktuell/?id=215184
