Nachtrag: Wenn Journalismus nur noch Politik nacherzählt

## Nachtrag: Wenn Journalismus nur noch Politik nacherzählt

Hier zeigt sich wieder sehr gut, warum so viele Menschen den klassischen Journalismus nicht mehr konsumieren wollen — oder ihm schlicht nicht mehr vertrauen.

Da schreibt Katharina Iskandar in der F.A.Z. über Roman Posecks Vorstoß zum Cannabisgesetz. Auf Instagram wird sich dafür gefeiert, als wäre dort ein großer, reißerischer oder besonders aufklärender Artikel gelungen. Doch wenn man den Text liest, bleibt am Ende nicht viel übrig.

Eigentlich sogar erschreckend wenig.

Der Artikel gibt im Kern wieder, was Poseck politisch erklärt hat: Cannabis in der Öffentlichkeit wieder verbieten, Besitzmenge runter, Polizei stärken, Schwarzmarkt bekämpfen, Jugendliche schützen. Das ist im Grunde die Linie aus der politischen Pressemitteilung – nur journalistisch verpackt.

Aber wo ist die echte Einordnung?

Wo ist die Gegenfrage?
Wo ist der Blick auf Bürgerrechte?
Wo ist die Frage, ob weniger Polizeizugriff nicht gerade Folge einer Entkriminalisierung ist?
Wo ist der Punkt, dass legales Verhalten eben nicht mehr wie Kriminalität behandelt werden darf?
Wo ist der Hinweis, dass der Schwarzmarkt nicht durch neue Verbote verschwindet, sondern durch funktionierende legale Bezugswege?
Wo ist die kritische Prüfung, ob Kinderschutz hier wieder einmal als moralisches Schild für mehr Kontrolle benutzt wird?

Genau das fehlt.

Eine Kehrtwende ist notwendig

Und geht weiter, wie Sie in Ihrem Artikel beschreiben: Katharina Iskandar zunächst von der Materie Cannabis keine Ahnung. Dass der Schwarzmarkt weiter blühen würde.

Vom Überschriften-Teil genauso zu lesen.

Nach wie vor wird illegales Cannabis angebaut und im Straßenhandel verkauft.

Trotz der Cannabis-Legalisierung boomt der Schwarzmarkt wie eh und je. Dass der hessische Innenminister Roman Poseck (CDU) nun eine Kehrtwende fordert und das Gesetz korrigieren will, ist der einzig vernünftige Schritt.

Und genau daran krankt dieser Journalismus.

Da wird Politik nicht mehr sauber herausgefordert. Da wird zu selten über den Tellerrand geschaut. Da wird zu oft das aufgeschrieben, was ein Minister in eine schöne Erklärung packt. Am Ende liest sich so ein Artikel nicht wie Recherche, sondern wie ein ordentlicher Umschlag für die politische Botschaft von Roman Poseck.

Keine Frage: Poseck liefert vollmundige Erklärungen. Aber genau dann müsste Journalismus doch nachhaken.

Wenn ein Innenminister behauptet, die Legalisierung habe „erheblichen Schaden“ angerichtet, dann reicht es nicht, diesen Satz einfach weiterzutragen. Dann muss man fragen:

Welcher Schaden genau?
Welche Daten belegen das wirklich?
Welche Effekte stammen aus dem Gesetz — und welche aus einer jahrzehntelang gewachsenen Schwarzmarktstruktur?
Warum wird fehlender Polizeizugriff automatisch als Problem dargestellt?
Ist das nicht genau der Sinn einer Entkriminalisierung?
Und warum wird wieder einmal der Bürger in den Mittelpunkt des Verdachts gestellt?

Stattdessen bleibt der Text für mich viel zu nah an der politischen Vorlage.

Und genau deshalb verlieren viele Bürger das Interesse an solchen Pressehäusern. Nicht, weil sie grundsätzlich gegen Journalismus wären. Sondern weil sie merken, dass sie oft selbst recherchieren müssen, um überhaupt ein vollständigeres Bild zu bekommen.

Wenn eine Pressemitteilung der Politik am Ende mehr Substanz liefert als ein bezahlter Artikel hinter einer Paywall, dann läuft etwas schief.

Dann muss sich niemand wundern, wenn Menschen sagen: Warum soll ich dafür zahlen?

Für eine halbe Seite Regierungsposition?
Für wenig Hintergrund?
Für kaum echte Gegenperspektive?
Für einen Text, der sich liest, als hätte man die politische Linie nur glattgezogen?

So gewinnt man kein Vertrauen zurück.

Das alte Pressemodell lebt zu oft noch davon, dass der Bürger brav liest, brav zahlt und brav glaubt, was ihm dort serviert wird. Aber diese Zeit ist vorbei. Viele Menschen prüfen heute selbst nach. Sie schauen Quellen an. Sie vergleichen Pressemitteilungen. Sie hören Fachleute wie Konstantin Grubwinkler. Sie lesen Gesetzestexte. Sie bilden sich ein eigenes Bild.

Und genau das ist auch gut so.

Denn wer nur solche Artikel liest, bleibt schnell auf dem halben Weg stehen. Man bekommt die politische Erzählung serviert, aber nicht zwingend die ganze Debatte.

Kinderschutz. Schwarzmarkt. Sicherheit. Ordnung.

Das klingt immer gut. Das klingt immer sauber. Das klingt immer moralisch unangreifbar.

Aber Journalismus müsste genau dort anfangen, wo diese Begriffe politisch benutzt werden. Er müsste fragen, ob hinter dem Schutz wirklich Schutz steht — oder ob wieder einmal mehr Kontrolle vorbereitet wird.

Beim Cannabis geht es nicht nur um einen Joint.

Es geht um die Frage, wie weit der Staat in das Leben erwachsener Bürger eingreifen darf.

Es geht um die Frage, ob Entkriminalisierung ernst gemeint ist — oder ob Innenpolitiker sie über neue Eingriffsbefugnisse wieder zurückdrehen wollen.

Es geht um die Frage, ob der Bürger als mündiger Mensch behandelt wird — oder wieder als potenzieller Verdächtiger.

Und genau diese Fragen fehlen mir in solchen Artikeln viel zu oft.

Deshalb sage ich klar:

Lest meinen Artikel.
Lest den F.A.Z.-Artikel.
Lest die Pressemitteilung.
Schaut euch die Argumente an.
Und macht euch selbst ein Bild.

Vielleicht kommt ihr dann selbst zu dem Schluss, warum viele Bürger diesen alten Pressebetrieb nicht mehr ernst nehmen.

Weil zu viel davon klingt wie ein Papagei der Politik.

Weil zu oft nur nacherzählt wird, was Minister gerne in der Öffentlichkeit hören wollen.

Und weil echte Recherche nicht bedeutet, eine politische Erklärung hübsch umzuschreiben.

Echte Recherche beginnt dort, wo man Macht widerspricht.

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