Manchmal beginnt ein Gedanke mit einer einfachen Schlagzeile.
Diesmal war es ein Reel auf Instagram. Dort wurde ein Meinungsbeitrag der WELT aufgegriffen, der sich mit dem aktuellen Niedrigwasser des Rheins beschäftigt. Der Beitrag trägt den Titel „Rhein: Die Legende vom Klimakrisen-Niedrigwasser“ und stammt von Axel Bojanowski. Seine These richtet sich gegen eine zu einfache direkte Zuordnung des derzeitigen Rhein-Niedrigwassers zur Klimakrise.
Und selbstverständlich darf man darüber diskutieren.
Wissenschaft bedeutet nicht, dass zu jeder einzelnen Wetterlage nur noch eine zulässige Erklärung existiert. Ein einzelnes Niedrigwasser, ein einzelner heißer Sommer, ein Waldbrand oder ein Starkregenereignis ist nicht einfach mit dem Satz „Das war der Klimawandel“ vollständig erklärt.
Aber genauso falsch wäre für mich der umgekehrte Weg:
**Das Klima hat sich früher verändert – also brauchen wir über den heutigen menschengemachten Klimawandel nicht mehr zu reden.**
So funktioniert Wissenschaft ebenfalls nicht.
Der Weltklimarat IPCC kommt auf Grundlage des heutigen Forschungsstandes zu dem eindeutigen Ergebnis, dass der menschliche Einfluss Atmosphäre, Ozeane und Land erwärmt hat.
Damit ist nicht jedes Wetterereignis ausschließlich durch den Menschen verursacht.
Aber die Bedingungen, unter denen diese Ereignisse stattfinden, verändern sich.
Und genau dort beginnt für mich die eigentlich wichtige Diskussion.
## Während wir diskutieren, stehen die Bäume draußen
Ich habe in den vergangenen Tagen und Wochen viel über die Waldbrände geschrieben und gesprochen.
Dabei habe ich mittlerweile auch Menschen aus Forstwirtschaft und Baumschulen zugehört.
Und irgendwann verschiebt sich dabei die eigene Wahrnehmung.
Man sieht nicht mehr nur eine verbrannte Fläche.
Man sieht einen Wald, dessen Entwicklung Jahrzehnte gebraucht hätte.
Man sieht junge Bäume, die vielleicht gerade erst angefangen hatten, richtig zu wachsen.
Und man begreift, wie lange es dauern wird, bis daraus wieder ein großer Wald werden kann.
Ich bin 58 Jahre alt.
Wenn wir heute einen jungen Baum pflanzen, kann es Jahrzehnte dauern, bis aus diesem kleinen Bäumchen ein großer, alter Baum geworden ist.
Vielleicht werde ich selbst gar nicht mehr erleben, wie groß dieser Baum irgendwann wird.
Aber genau deshalb finde ich diesen Gedanken inzwischen so schön.
**Warum muss ich alles selbst erleben, damit es einen Wert besitzt?**
Vielleicht pflanze ich einen Baum, unter dem irgendwann ein anderer Mensch sitzt.
Vielleicht baut dort ein Vogel sein Nest.
Vielleicht finden Insekten Nahrung.
Vielleicht spendet dieser Baum einem Kind Schatten, das heute noch gar nicht geboren ist.
Und vielleicht weiß irgendwann niemand mehr, wer diesen Baum einmal gepflanzt hat.
Das ist vollkommen in Ordnung.
Denn der Baum steht trotzdem dort.
## Ein Baum braucht mehr als einen Pressetermin
Und hier komme ich zu einem Punkt, den wir meiner Meinung nach viel zu häufig vergessen.
Bäume zu pflanzen klingt wunderbar.
Hundert Bäume.
Tausend Bäume.
Eine Million Bäume.
Politiker mit Spaten.
Unternehmen mit großen Versprechen.
Fotos für Presse und soziale Medien.
Aber danach beginnt erst die eigentliche Arbeit.
Das Umweltbundesamt weist darauf hin, dass gerade sehr junge Bäume gegenüber Trockenheit besonders empfindlich sind. Ihr Wurzelsystem ist noch nicht ausreichend entwickelt, um Wasser aus tieferen Bodenschichten zu erreichen. Entsprechend höher ist ihr Risiko, während Trockenperioden abzusterben.
Genau deshalb reicht mir irgendwann die Meldung nicht mehr:
**„Wir haben 10.000 Bäume gepflanzt.“**
Meine nächste Frage wäre:
**Wie viele davon stehen fünf Jahre später noch?**
Wer fährt im nächsten trockenen Sommer hin?
Wer schaut nach den Pflanzen?
Wer nimmt tatsächlich eine Gießkanne, einen Wassertank oder eine andere geeignete Bewässerungsmöglichkeit und sorgt dafür, dass aus dem kleinen Baum irgendwann ein großer wird?
Das wäre für mich Nachhaltigkeit.
Nicht nur pflanzen.
**Pflanzen, pflegen und wiederkommen.**
## 2026 zeigt uns das Problem direkt vor der Haustür
Wir müssen dafür nicht einmal nach Südeuropa schauen.
Nach Angaben des Umweltbundesamtes und des Deutschen Wetterdienstes war bereits das Frühjahr 2026 in Deutschland außergewöhnlich sonnig und deutlich zu trocken. Bundesweit fielen lediglich 126 Liter Niederschlag pro Quadratmeter. Das waren rund 68 Prozent des langjährigen Mittels der Referenzperiode 1961 bis 1990. Auch der Juni blieb trockener als das langjährige Mittel; am Mittel- und Oberrhein kamen regional lediglich 15 bis 30 Liter pro Quadratmeter zusammen.
Und ein paar Regentage machen diese Entwicklung nicht plötzlich ungeschehen.
Natürlich freue ich mich über jeden Tropfen, der jetzt fällt.
Ich freue mich darüber wie wahrscheinlich selten zuvor.
Aber nach langer Trockenheit ist Regen zunächst einmal genau das: dringend benötigtes Wasser.
Kein Resetknopf.
## Auch beim Rhein lohnt sich genaueres Hinsehen
Dass beim aktuellen Rhein-Niedrigwasser über Ursachen gestritten wird, ist vollkommen legitim.
Aber auch die zuständigen Fachbehörden beschäftigen sich längst mit den langfristigen Folgen des Klimawandels für unsere Wasserstraßen.
Eine Klimawirkungsanalyse von Bundesanstalt für Gewässerkunde und Bundesanstalt für Wasserbau untersucht beispielsweise ausdrücklich veränderte Abflussbedingungen am Mittelrhein und mögliche Auswirkungen des Klimawandels auf die Schifffahrt. Für die ferne Zukunft ergeben die untersuchten Szenarien ohne entsprechende Anpassungsmaßnahmen negative Auswirkungen auf die möglichen Gütertransportmengen.
Man darf also über die Zuordnung eines einzelnen Niedrigwassers streiten.
Was man meiner Meinung nach nicht sollte, ist daraus den Eindruck entstehen zu lassen, es gebe grundsätzlich kein Problem.
Das wäre ungefähr so, als würde ein Arzt sagen:
„Dieser eine Husten muss nicht von Ihrer Erkrankung kommen.“
Das kann vollkommen richtig sein.
Es bedeutet aber noch lange nicht:
„Sie haben deshalb keine Erkrankung.“
## Vielleicht sollten wir auch unsere Mediengewohnheiten überdenken
Und dann ist da noch die andere Seite dieser Geschichte.
Immer mehr Informationen liegen hinter Bezahlschranken.
Natürlich kostet Journalismus Geld. Recherche kostet Geld. Redaktionen kosten Geld. Auch Journalisten müssen von ihrer Arbeit leben.
Dagegen habe ich überhaupt nichts.
Aber ich frage mich zunehmend:
**Muss deshalb unser gesamter Zugang zu Wissen von einigen wenigen großen Plattformen und Medienhäusern abhängen?**
Ich glaube nicht.
Wir haben heute Möglichkeiten, die es vor einigen Jahrzehnten noch nicht gab.
Unabhängige Blogs.
Open-Access-Forschung.
Podcasts.
Mastodon.
Fediverse.
Kleine journalistische Projekte.
Förster, Wissenschaftler, Techniker und andere Fachleute, die ihr Wissen direkt veröffentlichen.
Deshalb möchte ich auf meinem Blog langfristig einen eigenen Bereich aufbauen, in dem ich solche Quellen sammle.
Keine Seite nach dem Prinzip:
„Diese Zeitung ist böse und jene ist gut.“
Das wäre mir viel zu einfach.
Sondern eher:
**Hier gibt es weitere Quellen. Lies selbst. Vergleiche. Prüfe. Entscheide selbst.**
Und wenn ein kleiner unabhängiger Autor, Wissenschaftskommunikator oder Blog gute Arbeit macht, gebe ich lieber gelegentlich ein paar Euro direkt dort hin, als mich von Werbung, Tracking und immer neuen Konsumaufforderungen durch das Netz verfolgen zu lassen.
Das ist für mich auch ein Stück digitale Selbstbestimmung.
## 80 Prozent machen sich Sorgen
Vielleicht sind wir mit diesen Gedanken auch gar nicht so alleine.
Nach dem im August 2026 veröffentlichten Sozialen Nachhaltigkeitsbarometer machen sich rund 80 Prozent der Menschen in Deutschland Sorgen wegen des Klimawandels. Allerdings muss man auch hier genau bleiben: 54 Prozent sprechen sich für höhere staatliche Klimaschutzausgaben aus und 56 Prozent wünschen weitere Maßnahmen in Energie-, Verkehrs- und Wärmewende.
Das finde ich wichtig.
Denn Klimaschutz darf meiner Meinung nach nicht dadurch kaputtgemacht werden, dass man jede Kritik sofort als Klimaleugnung bezeichnet.
Und umgekehrt darf nicht jede berechtigte Kritik an einzelnen Maßnahmen benutzt werden, um das gesamte Problem kleinzureden.
Wir brauchen mehr Menschen, die selbst denken.
Nicht weniger.
## Meine Idee: einen Baum pflanzen – und Verantwortung dafür übernehmen
Aus all diesen Gedanken wächst bei mir gerade eine Idee.
Ich würde mich gerne mit Menschen aus Baumschulen, Forstwirtschaft, Landwirtschaft und anderen Bereichen zusammensetzen und herausfinden, was wir tatsächlich tun können.
Nicht irgendwann in Berlin.
Nicht irgendwann in Brüssel.
Sondern hier.
Vor unserer eigenen Haustür.
Vielleicht finden wir Flächen, auf denen eine Aufforstung oder Ergänzung ökologisch sinnvoll ist.
Vielleicht können Fachleute bestimmen, welche Baumarten an welchem Standort überhaupt eine Chance haben.
Vielleicht können Menschen einen Baum pflanzen oder eine kleine Patenschaft übernehmen.
Und dann kommt mein wichtigster Punkt:
**Wir fahren wieder hin.**
Nächstes Jahr.
Und übernächstes Jahr.
Wenn eine Trockenperiode kommt, schauen wir nach unseren Bäumen.
Wenn Hilfe notwendig ist, kümmern wir uns.
Nicht blind irgendwo Wasser hinschütten, sondern gemeinsam mit den Menschen, die etwas vom Wald verstehen.
Förster.
Baumschulen.
Naturschutz.
Landwirte.
Menschen aus der Region.
Dann wird aus einem schönen Foto vielleicht tatsächlich ein kleiner Wald.
## Vielleicht steht dort irgendwann auch mein Baum
Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir auf dieser Erde noch bleiben.
Das weiß kein Mensch.
Aber ich weiß, dass ich dieses Grün liebe.
Ich liebe Wälder.
Ich liebe Pflanzen.
Und mir hat es wirklich im Herzen wehgetan zu sehen, was in den vergangenen Wochen und Monaten zerstört worden ist.
Deshalb möchte ich nicht, dass diese Geschichte bei meiner Wut darüber endet.
Vielleicht kann daraus etwas anderes entstehen.
Vielleicht steht irgendwann irgendwo ein Baum, den ich mitgepflanzt habe.
Daneben einer von euch.
Und noch einer.
Und irgendwann sind es keine einzelnen Bäumchen mehr.
Dann ist es wieder ein Stück Wald.
Vielleicht ist genau das die Antwort, die mir im Augenblick besser gefällt als der hundertste Streit darüber, wer in irgendeiner Fernsehrunde recht gehabt hat.
**Nicht nur darüber reden, was andere falsch gemacht haben.**
Selber denken.
Selber nachlesen.
Selber hingehen.
Und wenn es notwendig ist:
**auch selbst einmal die Gießkanne in die Hand nehmen. 🌳❤️**
Wer aus Forstwirtschaft, Baumschulen, Landwirtschaft oder Naturschutz kommt und an einer solchen Idee fachlich mitarbeiten möchte, darf sich gerne bei mir melden.
Denn Bäume brauchen keine Ideologie.
Sie brauchen geeigneten Boden, Wasser, Zeit – und Menschen, die sich auch morgen noch um sie kümmern.
Wenn Feuerwehr, THW, Bauern und Bundeswehr den Laden retten, sollte die CDU nicht so tun, als sei ein Reel schon Katastrophenschutz
Europa brennt – und wer entscheidet eigentlich über angebotene Hilfe?
24 Stunden zum Zerstören. 50 Jahre zum Aufbauen. Genau das ist der Punkt. 🌳☠️
Infos von den Kumen
Aktuelle Entwicklungen zum Brand im Hohen Venn
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